Soweit ich zurück denken kann, war das erste Wort, welches mich seit meiner Kindheit begleitet, das Wort "Respekt".  Ich hörte das Wort erstes Mal von einer meinen Erzieherinnen (ich bin mit der Auffassung erzogen worden, dass die Erziehung eines Kindes in der Verantwortung der Gemeinschaft liegt), laut rufend: Hey Marie-Solange! Seid anständig mit deiner Kamaradin, weiss du denn nicht, dass sie älter ist als du? Also habe Respekt vor ihrem Alter! Neben dem Respekt vor dem Nächsten (Menschen, Tiere, Natur), fremde Eigentum wie die Eigene, war meine Jugenderziehung sehr von dem Respekt des Alters  geprägt.  Es liegt sehr wahrscheinlich daran, dass ein Tag als ein Geschenk erlebt und ausgelebt wird. Aus dieser Dankbarkeit entsteht den Stolz, seinem Alter würdig zu sein.  So durfte ich niemals eine Person mit Vorname rufen, die im Alter meiner Eltern war, sondern mit einem (maman oder papa + Vorname) beginnen, desgleichen mit Onkeln und Tanten (mit einem tonton oder tata +Vorname). War der Altersunterschied zwischen mir und der Person nicht zu gross, so war eine "Sita" bei Frauen oder ein "tonton oder grand" bei Männern. Wurde dies unterlassen, verteitigte sich die Person mit Worte wie: "Ich könnte deine Mutter sein, bitte nenne mich maman... oder Sita...". fühlte sich der ältere beleidigt,  sagte er drohend z.B."Wir beide haben die Schulbänke nicht zusammen aufgewärmt! Also nenne mich nicht z.B. Paul, sondern tonton Paul"!  Ebenso unbezahlbar ist "le droit d'aînesse". Vor kurzem folgte ich eine Diskussion von zwei erwachsenen Menschen, welche abrupt endete, nachdem der Ältere schlagfertig so argumentierte"Ne sais-tu pas que si en tant qu'aîné j'avais barré le chemin, tu ne serais pas né? Alors s'il te plaît pèses tes mots quand tu me parles, car le droit d'aînesse ne s'achète pas". Genauso wichtig war die Hierachie, der Segen der Ur-, Ur-, Urgrosseltern bei essenziellen Lebensereignisse (z.B. Heirat, Kindererziehung usw.) war unentbehrlich. Und somit kannte jeder unausgesprochen seinen Platz in der Familie.

Warum ist man in Afrika so stolz auf das Alter? Warum lebt man so, als gäbe kein Morgen? Warum wird das Alter so geehrt? Ein Weiser (le Sage du village) erzählte mir während den Sommerferien im Dorf Folgendes (während meiner Kindheit mussten fast alle Kindern während den grossen Sommerferien zurück zu den Dörfer gehen, um nicht nur die Grosseltern zu besuchen, sondern und vor allem um die Würzeln wieder neu aufzutanken. Im Dorf lernte man die eigene Stammeskultur, Rituallen Traditionen besser kennen): Mein Kind, Alles Beginn bereits im Mutterleib. Stellt dich mal vor, du bist eine von diesen Millionen Spermatozoiden. Du kämpfst dich durch, schafft es befrüchtest zu sein. Dann kommst du auf die Welt. Und der Kampf geht weiter mit Hohen und Tiefen, gute und weniger Gute Erfahrungen. Denn das Leben ist ein harter Kampf. Und jeden Tag erlebst du neue Sachen, manchmal weiss du gar nicht, ob du am Abend dein Bett wieder erreichen wirst. Und doch erlebst du neue Tage. Und darauf solltest du immer stolz sein, weil dies nicht selbtverständlich ist. Die gute Worte hatten damals für mich nicht viel Bedeutung, nur eines bliebt doch bis heute im meinem Kopf eingraviert. Nichts ist im Leben selbstverständlich.

Das Alter ist hier in (Europa) nebst dem Wetter das meist erwähnte Wort, um nicht Thema zu sagen. Fast in jedem Gespräch kommt es vor, erzählt man z.B. über die schwere Krankheit, den Unfall oder den Tod eines geliebten Menschen, einen Bekannten, wird meist zuerst nach dem Alter des Betroffenen  gefragt... Ich  beobachte,  dass wir heute in eine "pêle-mêle" Gesellschaft leben. Die jungen und ältere Menschen haben sich zusammen in einem Topf eingemischt und keiner erkennt seinen Platz mehr. Ich erinnere mich an eine Situtation mit einer Frau im Alter oder älter wie meine Mutter. Aus irgendeinem Grund stimmte die Chemie zwischen uns beide nicht. Und so kam es, dass die Frau sehr grob mit mir umging. Und jedes Mal wenn ich den Mund aufmachen wollte um mich zu wehren, hörte ich immer die Stimme in mir laut sagen: "passt auf Marie-Solange, die Frau ist älter als deine Mutter". So war meine persönliche Herausforderung, die goldenen Mitte zu finden. Mich widerzusetzen und somit der Person zu zeigen, wo die Grenze war.

Was bedeutet das Alter für mich persönlich, mit den Werten, welche mir auf den Weg gelegt wurden in Kamerun und die Tatsache, dass auch ich in diese "pêle-mêle Gesellschaft lebe? Jeder Tag, welcher ich erleben darf,  ermöglicht mich meinen Weg zu beschreiten und somit die Gründe meiner Reinkarnation zu verwirklichen. So betrachtet ich das Alter nicht wie eine Art "Sünde, Last, oder Peinlichkeit"  sondern viel mehr als ein Verdienst! In dem ich jeden Abend vor dem Einschlafen mit einem Schulterklopf sage: "Danke für diesen neuen Tag".

3 Kommentare

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